Samstag, 1. Oktober 2011

Zukunft und Perspektive für die Junge Generation

Liebe Kolleginnen und Kollegen,

die Weltwirtschaft befindet sich auf einer dramatischen Berg- und Talfahrt. Die Turbulenzen in Europa und der Welt sorgen auch hier für Unsicherheit. Niemand weiß genau was passiert. Weder die sogenannten Wirtschaftsexperten, noch die überforderten Politiker oder die ideologischen Propheten. Und schon gar nicht die 1,8 Prozent-Partei!

Aber ich weiß eines, Kolleginnen und Kollegen, und das weiß ich sehr genau: Die IG Metall hat in ihrer Geschichte schon einige Krisen erlebt und durchgestanden. Große und kleine. Schleichende und heftige. Vorübergehende und grundsätzliche. Und es ist uns immer gelungen unseren Mitgliedern zur Seite zu stehen. Ihnen zu helfen und ihnen Sicherheit und Orientierung zu geben.

Und vor allem:
Es ist der IG Metall immer gelungen, sich auf neue Situationen einzustellen. Die richtigen Schlüsse zu ziehen! Und gemeinsam mit unseren Mitgliedern so zu handeln, dass wir erfolgreich waren.

Kolleginnen und Kollegen,
das ist unsere gemeinsame Erfolgsgeschichte. Die Wirtschaft mag schwächeln, schwanken und schaukeln, aber die IG Metall ist und bleibt eine starke, stabile und wachsende Organisation. Wir haben eine positive Mitgliederentwicklung! Zum ersten Mal seit 20 Jahren! Wir sind die einzigen der großen Gewerkschaften in Deutschland! Wir sind die einzigen in Europa, wir sind die einzigen in der Welt, die das von sich behaupten können!
Das ist unser gemeinsames Verdienst, und darauf können wir stolz sein.

Kolleginnen und Kollegen,
Weil die IG Metall eine starke und stabile Organisation ist, werden wir in unsicheren, turbulenten Zeiten wie diesen besonders gebraucht. In Zeiten, wo weder Wirtschaft noch Politik Lösungen parat haben, nimmt die IG Metall ihre Verantwortung wahr: Unsere Verantwortung für die Menschen - vor allem für die jungen Menschen. Wir setzen heute ein starkes Zeichen! Mit diesem Aktionstag. Hier in Köln!

Wir wollen, dass die Jugend eine gute berufliche Perspektive hat! Wir wollen, dass die Jugend ein gutes Leben hat!
Darum sind wir heute hier! Kolleginnen und Kollegen, Gute berufliche Perspektiven und ein gutes Leben heißt:

Ihr braucht sichere Arbeit!
Ihr braucht gute Arbeit!
Ihr müsst Arbeit und Leben besser unter einen Hut bekommen können.
Ihr braucht gerechte Chancen auf Bildung und Ausbildung!
Und letztlich braucht ihr soziale Sicherheit für die Wechselfälle des Lebens.

Das sind die Themen, die wir in der „Charta Junge Generation“ gebündelt haben!

Kolleginnen und Kollegen,
Wir wollen Gerechtigkeit und Chancengleichheit in unserer Gesellschaft. Sichere Arbeit – das heißt für uns jetzt zu allererst die unbefristete Übernahme aller Auszubildenden! Dafür werden wir in der kommenden Tarifrunde gemeinsam kämpfen. Wir werden alles tun, um sie durchzusetzen. Ich bin da sehr zuversichtlich:

Denn einen riesigen Erfolg hat die Kampagne „Operation Übernahme“ schon erzielt:
Das Thema Übernahme ist heute ein Thema der ganzen IG Metall! Und deshalb wird auch die ganze IG Metall dafür kämpfen!

Kolleginnen und Kollegen,
dabei dürfen wir nicht stehen bleiben. Das darf nur der Anfang sein. Wenn wir gerechte Perspektiven und die Chance auf ein gutes Leben auch für die Jungen in unserer Gesellschaft durchsetzen wollen - dann haben wir weit mehr zu tun.

Darum setzen wir die Bedürfnisse und Forderungen der Jungen Generation mit unserer Charta als Top-Thema auf die politische Tagesordnung! Wir werden gemeinsam mit euch kämpfen! Damit sich noch viel mehr bewegt in diesem Land, denn dafür wird es höchste Zeit!

Die „Charta Junge Generation“ spricht die zentralen Wünsche und Forderungen der Jungen Generation aus.
Diese Forderungen richten sich vor allem an die Politik und an die Unternehmen. Sie haben die Interessen der Jungen Generation über Jahre hinweg konsequent ignoriert.

Die Verantwortlichen in der Politik und in den Chefetagen sollen wissen, was wir gemeinsam erreichen wollen!
Und sie sollen verstehen, dass wir es ernst meinen. Wer eure Interessen so mit den Füßen tritt, wie das in den letzten Jahren hier geschehen ist, dem sagen wir:

Das darf so nicht weitergehen, und das wird auch so nicht weitergehen.
Wir werden gemeinsam verhindern, dass die Junge Generation von der gesellschaftlichen Entwicklung abgekoppelt wird!

Kolleginnen und Kollegen,
Wir alle wissen es und etliche Studien bestätigen es immer wieder:
Immer mehr Junge werden in prekäre Beschäftigung gedrängt, ohne Sicherheit und ohne Perspektiven.
Leiharbeit, Befristungen, Praktika, Werkverträge bis hin zur Scheinselbstständigkeit – so kann doch unsere Zukunft nicht aussehen!

Es werden immer mehr, die keine sichere Arbeit mehr haben, und es sind vor allem Jugendliche betroffen, das macht es besonders dramatisch. Deshalb sagen wir heute: Es reicht!

Das kann keine Perspektive sein, das muss schnellstmöglich aufhören, denn die Junge Generation hat ein Recht auf sichere Arbeit. Darum werden wir in der nächsten Tarifrunde auch Leiharbeit zum Thema machen.

Wir wollen, die Begrenzung, soziale Regulierung und Verhinderung der Leiharbeit! Gleiche Arbeit gleiches Geld - das bleibt unser Ziel. Wir wollen keine Arbeitnehmer erster und zweiter Klasse in den Betrieben.

Kolleginnen und Kollegen,
Die Charta Junge Generation fordert von der Politik und den Arbeitgebern aber noch mehr:

Arbeit muss gute Arbeit sein.
Gute Arbeit bietet Entfaltungs- Gestaltungs- und Mitsprachemöglichkeiten.
Gute Arbeit kann und soll Spaß machen!

Doch wie sieht die Realität aus:
Überlange Arbeitszeiten, massive Leistungsverdichtung oder ausufernde Arbeitskontrollen.
Damit muss Schluss sein, Kolleginnen und Kollegen, und zwar schleunigst!

Liebe Kolleginnen und Kollegen,
Generationen von Schülern haben sich von ihren Eltern anhören müssen: „Du lernst nicht für die Schule, du lernst für das Leben.“ Meiner Meinung nach ist das viel mehr als ein alter Spruch. Ich glaube, da steckt viel Weisheit drin.
Weisheit, die auch für die Arbeitswelt gelten muss:

Wir arbeiten nicht nur für die Arbeit, sondern auch für unser Leben. Jeder von uns geht seiner Arbeit mit bestem Wissen und Gewissen nach! Jeder übt seine Tätigkeit mit größter Übersicht und Sorgfalt aus. Und gerade ihr identifiziert euch besonders mit dem, was ihr tut. Und ihr habt hohe Ansprüche an die Sinnhaftigkeit eurer Arbeit.
Das ist auch gut so!

Aber, Kolleginnen und Kollegen, Arbeit ist doch nicht alles! Das Leben wäre doch nichts ohne Freunde, Familie oder Hobbys! Dafür braucht es Zeit, Zeit neben der Arbeit! Die Welt wäre doch ärmer ohne ehrenamtliches Engagement!
Ihr seid doch das beste Beispiel! Auch dafür braucht man Zeit! Darum ist das eine wichtige Forderung unserer Charta.

Wir wollen, das Arbeit und Leben besser vereinbart werden können! Dem muss die Arbeitswelt gerecht werden.
Wir brauchen planbare Arbeitszeiten! Und kein Arbeiten ohne Ende! Arbeitszeitmodelle, die es möglich machen, dass junge Eltern ihre Verantwortung auf der Arbeit UND in der Familie tragen können. Wir brauchen ausreichende Möglichkeiten zur Kinderbetreuung und elternfreundliche Arbeitsplätze. Wir brauchen Arbeitszeitsouveränität.
Die IG Metall steht hinter der Forderung nach der Vereinbarkeit von Arbeit und Leben. Wo dies nicht der Fall ist, werden wir noch ein bisschen nachhelfen.

Liebe Kolleginnen und Kollegen,
allen ist bekannt: in Deutschland sind die Bildungschancen ausgesprochen ungerecht verteilt. Es gibt kein Land wie Deutschland, in dem die Bildungschancen so stark von der Herkunft der Eltern abhängen.

Kolleginnen und Kollegen,
deshalb brauchen wir gerechte Chancen auf Bildung und Ausbildung! Denn das ist der Einstieg ins Leben, in unsere Gesellschaft. Wer zulässt, dass jungen Menschen der Zutritt verweigert wird, der macht sich in hohem Maße schuldig und provoziert auch bei uns englische Verhältnisse. Die brauchen wir aber nicht, liebe Kolleginnen und Kollegen. Was wir brauchen, sind gerechte Chancen auf Bildung und Ausbildung! Nur dann hat die Junge Generation eine Zukunft, auf die sie bauen kann.

Kolleginnen und Kollegen,
junge Menschen brauchen soziale Sicherheit! Das ist doch ein Skandal: Das Armutsrisiko ist in keiner Altersgruppe so hoch wie bei den 19- bis 25Jährigen! Gerade in diesem Alter stellt man wichtige Weichen: Für die Berufswahl, für den Berufseinstieg, für eine Familie – ja, für das das ganze Leben. Aber gerade an dieser Schwelle werden heute immer mehr junge Menschen abgekoppelt. Sie verlieren den Kontakt zur Gesellschaft. Auch darum werden wir aktiv. Das ist eine hohe moralische Verpflichtung. Und deshalb wird die IG Metall nicht nachlassen, für die Erhaltung des Sozialstaates zu kämpfen.

Liebe Kolleginnen und Kollegen,
Sichere Arbeit!
Gute Arbeit!
Vereinbarkeit von Arbeit und Leben!
Gute Bildung und Ausbildung!
Und soziale Sicherheit!
Das ist unserer Charta.
Das ist unsere Botschaft.

Eine Botschaft, die uns durch alle künftigen Konflikte, Kämpfe und Kampagnen begleiten wird. Eine Botschaft an die Politik, die nicht zu überhören ist. Und eine Botschaft an die Wirtschaft, die wir in alle künftigen Verhandlungen tragen werden. Deshalb wird unsere „Charta Junge Generation“ Bestand haben.

Sie wird Bestand haben, weil die IG Metall von diesen Forderungen nicht abweichen wird.
Sie wird Bestand haben, weil nicht nur die jungen Beschäftigten dafür kämpfen werden.
Dafür kämpft die GANZE IG Metall.
So lange bis Politik und Wirtschaft nicht mehr daran vorbeikommen.
Wir werden es schaffen.
Weil es nicht irgendwer ist, der diese Forderungen der Jungen Generation formuliert, weil wir es sind, Kolleginnen und Kollegen.
Eine IG Metall, die 400.000 Mitglieder unter 35 Jahren organisiert – und damit die größte politische Jugendorganisation in Deutschland ist. 400.000 Mitglieder, die bei uns mitmachen und die von insgesamt
2,3 Millionen Mitgliedern unterstützt werden. Und es werden jeden Tag mehr!

Wir haben in unserer Gesellschaft die Macht einiges durchzusetzen! Wir werden diesen Kampf auch deshalb gewinnen, weil wir eine lernende Organisation sind.

Eine Organisation, die schon lange verstanden hat, dass wir nicht stellvertretend für die Junge Generation handeln können. Deshalb werden wir diesen Kampf mit der Jungen Generation gemeinsam führen.
Wir werden ihn auch gemeinsam mit der Jungen Generation gewinnen.
Wir werden diesen Kampf gewinnen, weil wir die IG Metall sind.

Eine wachsende IG Metall, eine starke IG Metall, eine IG Metall, die jeden Tag stärker wird. Weil wir alle verstanden haben, dass uns jedes Mitglied stärker macht und jeden Tag dafür arbeiten. Die Junge Generation kann in diesem Land im Kampf für ihre Interessen gar keinen stärkeren Verbündeten haben als uns, als die IG Metall.

Für „Gleiche Arbeit – Gleiches Geld“
Für Vereinbarkeit von Arbeit und Leben!
Für unbefristete Übernahme!
Gemeinsam sind wir laut!
Gemeinsam sind wir stark!

Vielen Dank für die Aufmerksamkeit!

Die Rede als PDF zum Download

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