IG Metall Jugend

Die Zukunft gehört uns


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05.09.09 Hintergrundinformationen Heute gehört Frankfurt uns!

Rede von Bundesjugendsekretär Eric Leiderer auf der Jugendkundgebung auf dem Opernplatz
Frankfurt am Main, 05.09.2009

 

Liebe Kolleginnen und Kollegen,

das war toll! Was für ein Bild, wenn der ganze Opernplatz hier in den Farben unserer Kampagne erscheint! Wenn ich erlebe, welche Energie hier und heute von euch ausgeht, dann macht das ganz viel Mut, denn dann weiß ich, dass wir zusammen ’ne Menge schaffen können. Dann spüre ich: Ihr wollt was!  Und ihr lasst euch nichts gefallen. Und das ist gut so, denn nur so können wir gemeinsam für eine bessere Zukunft kämpfen.

Und, liebe Kolleginnen und Kollegen, das ist auch bitter notwendig. Viele von euch wissen es aus eigener  Erfahrung: Uns wird nichts geschenkt. Wirtschaft und Politik kochen seit Jahren nur noch ihr eigenes Süppchen. Ohne auf die Interessen der Mehrheit der Menschen irgendeine Rücksicht zu nehmen.  Also wird es Zeit, dass wir denen da oben kräftig in diese Suppe spucken. Dass wir laut und deutlich sagen: Wir lassen uns unsere Zukunft nicht vermiesen. Deshalb sind wir heute hier, deshalb machen wir Operation Übernahme, und deshalb macht die IG Metall die Kampagne „Gemeinsam für ein Gutes Leben“. Damit die Junge Generation in diesem Land auch eine Zukunft hat, an die sie glauben kann.

Mein Vater ist Schlosser. Er wird dieses Jahr sechzig. Als er 1963 in die Lehre gegangen ist, da wusste er: Das dauert jetzt drei Jahre, und danach verdiene ich genug Geld, um eine Familie zu ernähren. Dann kann ich meine Frau versorgen und meine Kinder großziehen. Und das hat er dann auch geschafft, wie man hier sieht. 1972 kam ich auf die Welt, da war mein Vater 23. Sieben Jahre später wurde mein Bruder Manuel geboren. Als der dann ein Jahr alt war, konnten wir sogar ein kleines Häuschen kaufen. Da war mein Vater gerade mal dreißig.

Warum erzähl ich das? Weil ich euch ein Bild geben will für das, was in diesem Land mal normal war. Für das, was man „bescheidenen Wohlstand“ nannte. Und jetzt frage ich euch: Wer von euch kann heute noch davon ausgehen, dass er nach seiner Ausbildung  ganz selbstverständlich eine Familie gründen kann? 
Wer von euch kann von seinem Einkommen zwei Kinder ernähren? 
Wer von euch hat heute genug Sicherheit im Beruf, dass er darüber nachdenken kann, sich ein Häuschen zu kaufen?

Kolleginnen und Kollegen, ich weiß: Das ist kaum jemand. Diese Art von Wohlstand gibt es für uns Normalsterbliche nicht mehr, und schon gar nicht mehr für unsere Generation. Und genau das ist der große gesellschaftliche Skandal, der uns heute auf die Straße treibt: Es wird nicht mehr besser, es wird Tag für Tag schlechter für uns – dieses System entwickelt sich zurück! Und gerade wir Jungen werden im großen Stil beschissen, verraten, verkauft. Heute reden der Herr Bundespräsident und die Politiker viel von „Bescheidenheit“ wegen der Krise –aber von Wohlstand, davon ist keine Rede mehr. Im Gegenteil: Für viele Junge reicht es nicht mal mehr zum Überleben. Viele sind mit Mitte zwanzig schon verschuldet – und ganz bestimmt nicht, weil sie sich mit der Eigentumswohnung übernommen haben. Sie müssen Schulden machen, um ihren Alltag zu finanzieren. Das ist eine unerträgliche Situation. Und genau dagegen wehren wir uns jetzt.

Denn wir alle hier auf diesem Platz wissen: So kann es nicht weitergehen! Ein Drittel der Menschen unter 35 Jahren hat keinen richtigen Job und hangelt sich von Hartz IV über Praktika zu Leiharbeit und wieder zurück. Die Arbeitslosigkeit bei den unter 25-Jährigen ist im letzten Jahr drei mal so stark gestiegen wie die Arbeitslosigkeit insgesamt. Und die Jungen wissen: Morgen kann es auch mich treffen. Da ist es kein Wunder, dass in einer neuen Studie der Magazine Neon und Stern zwei Drittel der Jungen dieses Wirtschaftssystem komplett ungerecht finden. Und dass mehr als die Hälfte der Meinung sind, dass „der Kapitalismus versagt hat“ und dass wir „einen anderen Weg“ brauchen.

Während die Konzerne wie zum Beweis Jahr für Jahr Rekordgewinne einfahren und die Banken, die hier um uns rum zu sehen sind, absurde und unverantwortliche Geschäfte machen, die wir dann ausbaden müssen. Wir sollen für die Zeche, also für die Krise, die sie verursacht haben, auch noch bezahlen.
Zechprellen ist verboten und gehört bestraft: Wer in der Wirtschaft einen Deckel macht, muss ihn bezahlen. Wenn ich in der Wirtschaft ’nen Deckel mach, muss ich ihn auch bezahlen.

Aber ich sage euch, die haben die Rechnung ohne uns gemacht. Wir wissen, wie es draußen im Land in den Betrieben aussieht und wie die Stimmung in der Jugend ist. Wir lesen, auch in dieser Studie, dass 62 Prozent glauben, dass es zu richtigen sozialen Unruhen kommt, wenn die Arbeitslosigkeit so hoch bleibt und die Krise nicht aufhört. Und wir erfahren jeden Tag, was eine Kampagne wie Operation Übernahme an Energie freisetzt, wenn die Hütte brennt und die Übernahme gefährdet ist. Was da für eine Power hoch kocht, wenn die Kampagne vor Ort mit Entschlossenheit und mit Zielstrebigkeit durchgezogen wird.

Das haben in der Zwischenzeit auch die Medien gemerkt, in denen wir so oft vertreten waren wie selten zuvor. Hier stehen unsere Themen ganz oben, so wie vor einigen Wochen in einem großen deutschen Nachrichtenmagazin. Dort war zu lesen, dass die Jugend allen Grund hätte, sich zu wehren und auf die Straße zu gehen. Dort war aber auch zu lesen, dass trotzdem nichts passieren würde, weil die junge Generation so unpolitisch sei. Heute, zwei Monate später kann ich nur sagen: Schaut jetzt noch einmal ganz genau hin. Heute seid ihr es hier, mit über Zehntausend Leuten auf diesem Platz. Und vor einigen Wochen waren es eine Viertelmillion Schüler und Studenten, die einen großen bundesweiten Streik organisiert und gegen das Bildungssystem demonstriert haben.

Was 68 an Unis passierte, das fängt heute ebenso in den Betrieben und in den Schulen an. Diese Jugend lehnt sich auf und diese Jugend beginnt sich zu wehren. Und zwar überall – und immer öfter auch gemeinsam, weil wir gemeinsame Interessen haben. Wenn ich hier und heute auf den Platz schaue, dann sehe ich den Beweis, dann sehe ich: Es ist Bewegung in der Generation Prekär. Das hier ist erst der Anfang. Wir werden gemeinsam daran arbeiten, dass es immer mehr werden, die auf die Straße gehen und an die Adresse von Politik und Wirtschaft sagen: „Es reicht.“
Ich will noch einmal diese Studie von der Neon zitieren, denn dort antwortet jeder zweite, dass er mit keinem einzigen der Spitzenpolitiker auch nur ’nen Kaffee trinken würde, von ’nem Bier ganz zu schweigen. Aber gleichzeitig halten 60 Prozent der Jungen die Gewerkschaften für so wichtig wie noch nie.

Offenbar sind wir die einzigen, denen die Jugend noch glaubt. Deshalb liegt es an uns, daran zu arbeiten, dass man über die Lage und die Perspektiven der jungen Generation spricht. Damit tun wir nichts anderes als unsere verdammte Pflicht. Denn gerade wir in Deutschland wissen, wohin es führen kann, wenn die soziale Kluft immer weiter auseinander geht, wenn die Politik die Menschen belügt und rechte Rattenfänger mit ihren dumpfen Hassparolen auf Stimmenfang gehen.

Deshalb haben wir uns als IG Metall und besonders als IG Metall Jugend entschlossen, aktiv zu werden. Und unser Handeln auf die Interessen der jungen Generation zu fokussieren. Gerade jetzt, so kurz vor der Wahl. Da gilt es einmal mehr, ein deutliches Zeichen zu setzen. Ein Zeichen, das die Parteien nicht überhören können. Für Zugang zu Bildung und Ausbildung. Für gute Löhne 
und für gute Arbeit. Für Zukunftsperspektiven für die junge Generation. 
Für eine gerechte Gesellschaft. Und für ein gutes Leben.

Und damit das alle sehen können, die hier auf dem Platz vorbeikommen, 
und die uns heute Abend vielleicht sogar im Fernsehen sehen, hängen wir gleich gemeinsam unsere Schilder an die Seile, die ihr über euch seht. Und dann machen wir uns auf in das große Stadion, das früher einmal Waldstadion hieß – bevor die Commerzbank es sich unter den Nagel gerissen hat. Dort treffen wir auf unsere älteren Kolleginnen und Kollegen, denen es genau so stinkt. Und dort machen wir gemeinsam unmissverständlich klar, dass sich was ändern muss in diesem Land. Und dass man an uns nicht vorbei kommt. Macht endlich Politik für die Mehrheit der Menschen in diesem Land!

Heute gehört Frankfurt uns, liebe Kolleginnen und Kollegen. Aber das reicht uns noch lange nicht, denn es geht um mehr, es geht um viel, viel mehr:
Es geht um unser Leben. Und deshalb geben wir uns nicht mit Frankfurt zufrieden,  sondern rufen laut heraus: Die Zukunft gehört uns!

Also lasst sie uns übernehmen: 
Gemeinsam für ein gutes Leben.

Vielen Dank.

Frankfurter Ansage: Die Rede von Eric Leiderer als PDF
Zum Pressefoto von Eric Leiderer
Zur Forsa-Studie im Auftrag des DGB


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