Pressemitteilung
24.01.09 Hintergrundinformationen Stell dir vor, es ist Krise – und wir gehen hin.
Abschlussrede von Bundesjugendsekretär Eric Leiderer
zur Arbeitstagung der „Operation Übernahme“ in Erfurt,
24. Januar 2009
Liebe Kolleginnen und Kollegen,
alle reden von Krise. Subprime-Krise, Finanzkrise, Wirtschaftskrise, Kfz-Krise – die Begriffe sind so vielfältig wie die Ängste der Menschen vor einem großen Einbruch, der ihre Arbeits- und Lebensbedingungen dramatisch verändert.
Aber wovor haben wir eigentlich Angst? Als Menschen, als Gewerkschafter, als junge Generation? Wovor sollten wir Angst haben, wovor müssen wir Angst haben? Und noch weiter gefragt: Müssen wir überhaupt Angst haben?
Ich möchte an dieser Stelle zum Thema Krise einen Experten zitieren. Alle berufen sich gerade auf irgendwelche Experten, da können wir das auch mal tun. Aber der Experte ist kein Wirtschaftsexperte. Er ist auch kein Politikexperte.
Der Experte ist ein Strategie-Experte. Ein Kampagnen-Experte.
Ein Gewerkschafter der ersten Stunde. Der Experte heißt Saul David Alinsky, und er hat in den dreißiger Jahren in den USA die Organizing-Strategie entwickelt. Genau die Organizing-Strategie, mit denen wir uns in der deutschen Gewerkschaftsbewegung zur Zeit – fast achtzig Jahre später – mit gutem Grund so intensiv auseinandersetzen.
Alinsky ist der Urvater des Organizing. Also schaun wir mal an, was Alinsky zum Thema Krise zu sagen hat. Das hier ist eine seiner wichtigsten Schriften. Das Büchlein heißt „Anleitung zum Mächtigsein“ – und ich kann es jeder Gewerkschafterin und Gewerkschafter nur empfehlen. Weil der Inhalt hält, was sein Titel verspricht.
Es ist eine „Anleitung zum Mächtigsein“ – wie die ganze Organizing-Strategie. Und in dieser Anleitung schreibt Alinsky zu Thema Krise auf Seite 33 folgendes: „Die Chinesen schreiben das Wort Krise mit zwei Schriftzeichen. Das eine bedeutet ‚Gefahr’, das andere bedeutet ‚günstige Gelegenheit’.“
Das ist die Perspektive des Organizing-Strategen Alinsky. Und das ist die Perspektive, aus der wir uns jetzt einmal gemeinsam die aktuelle Krise vorknöpfen wollen.
Wer hat Angst vorm Ackermann?
Wo liegt die Gefahr? Wo liegt die Gefahr für uns als junge Generation, für uns als Gewerkschafter?
Vergangene Woche war im Fernsehen einen Bericht über ein Paar aus NRW. Beide so Mitte vierzig. Der Mann arbeitet in einem Kfz-Betrieb, der jetzt Kurzarbeit angemeldet hat, die Frau kümmert sich um das Kind. Der Mann hat Angst um seinen Arbeitsplatz, und die Familie macht sich ernste Sorgen. Eine Geschichte, wie wir sie alle gut kennen. Eine Scheiß-Situation.
Und dann haben die beiden beschrieben, wovor sie genau Angst haben. Und dann ging es auf einmal um die Raten für die Eigentumswohnung, die sie gerade gekauft haben. Und darum, dass der neue Fernseher jetzt erst mal warten muss: Sie wollten so einen Flachbildschirm.
Da kommt man ins Nachdenken.
Natürlich ist deren Situation schlimm, ich will das gar nicht klein reden. Aber ich hab mich gefragt, wie viele unserer Mitglieder als IG Metall Jugend, wie viele der Generation bis Achtundzwanzig, mit denen wir gemeinsam ihre Interessen vertreten wollen, wie viele von unseren jungen Kolleginnen und Kollegen gerade darüber nachdenken, sich einen Plasma-Fernseher zu kaufen. Und wie viele von denen eine eigene Eigentumswohnung haben.
Und ich weiß, und ihr wisst das auch: Das ist kaum jemand. Denn da geht’s bei den Jungen um hundert Euro für Klamotten oder, bei den Älteren, um die Frage, ob sie sich überhaupt – irgendwann – mal ein Kind werden leisten können, von einer Eigentumswohnung ganz zu schweigen. Und da ist mir einmal mehr verdammt klar geworden, wie tief unsere ganze Generation gerade in der Scheiße steckt.
Die meisten unserer jungen Mitglieder hätten gerne die Sorgen dieser Kleinfamilie aus NRW. Ganz im Ernst.
Warum erzähl ich das? Weil das etwas klarmacht. Dass nämlich für uns als IG Metall Jugend die Krise viel dramatischer ist. Und das nicht erst seit ein paar Wochen: Denn für uns stellen sich die Fragen nach beruflicher Sicherheit und nach sozialer Gerechtigkeit noch einmal sehr viel schärfer. Da geht es noch viel mehr ans Eingemachte, da geht es noch viel mehr ums Existenzielle: Nämlich darum, ob wir überhaupt Miete zahlen können. Oder eine Familie gründen. Und ob wir überhaupt ein eigenes Einkommen haben, von dem wir anständig leben können.
Wir sind die „Generation prekär“.
Ich nenne hier nur ein paar Stichworte, weil ich euch das nicht erklären muss, ihr kennt das aus eurer Arbeit gut genug: Vollzeitschüler. Praktikum. Leiharbeit. Hartz IV. Ich sage nur: Prekarität. Irgendjemand hat vor kurzem die „Generation Praktikum“ ausgerufen, und das greift eigentlich noch zu kurz: „Generation prekär“ müsste es richtigerweise lauten. Unsere Abteilung „Mitglieder und Kampagnen“ hat vor kurzem eine Analyse gemacht, wie alt die mehr als 10.000 Leiharbeiter im Durchschnitt sind, die im letzen halben Jahr in die IG Metall eingetreten sind. Und sie haben festgestellt, dass weit über 90% der Leiharbeiter unter Dreißig sind.
Ich nenne das „Generation prekär“.
Und deshalb die Frage:
Wo liegt für uns die Gefahr in der aktuellen Krise?
Und für unsere jungen Mitglieder?
Ist es wirklich ein echter, nennenswerter Verlust, einen prekären Leiharbeitsplatz zu verlieren?
Gemessen an dem, was unser Bild von einer gerechten, zukunftsfähigen Arbeitswelt ist?
Natürlich ist das blöd für unsere KollegInnen in Leiharbeit, das ist gar keine Frage – aber ich will ja über die wahren Gefahren der Krise sprechen.
Und da sage ich ganz klar: Die Gefahr, dass wir anfangen, um die Almosen auch noch zu betteln, die uns das System seit Jahren nur noch hinwirft, damit wir die Mund halten, ist um ein Vielfaches größer und gefährlicher als der reale ökonomische Verlust, der unseren jungen Kolleginnen und Kollegen droht. Die haben nämlich in dieser Hinsicht kaum noch was, was sie verlieren könnten.
Das sage ich als überzeugter Gewerkschafter. Das sage ich aber auch als hauptamtlicher IG Metaller. Als hauptamtlicher Metaller, der mitkriegt, wie bestimmte Diskussionen rund um die Krise auch bei uns gerade laufen. Der mitkriegt, dass wir verdammt aufpassen müssen, uns vom Gejammer und der Angst der Industrie nicht anstecken zu lassen. Die sollen ihren Angstschweiß schön für sich behalten.
Denn wenn wir anfangen, unsere eigene strategische Linie, unsere eigenen politischen Ziele auf dem Altar der Angst zu opfern, wenn wir anfangen, unsere gewerkschaftliche Arbeit auf das zurückzustutzen, was Politik und Wirtschaft gerade als realistisch definieren, wenn wir uns unseren eigenen gewerkschaftlichen Gestaltungsrahmen von denen definieren lassen, die den ganzen Mist verbockt haben, die nicht nur für die Krise, sondern für das ganze krisenhafte System verantwortlich sind – dann können wir gleich einpacken. Dann können wir uns gleich als Praktikanten bei Anne Will bewerben.
Liebe Kolleginnen, liebe Kollegen.
Wer bettelt, hat schon verloren.
Warum ich das sage? Weil genau das die mit Abstand größte Gefahr ist, die die sogenannte Krise für uns bereithält: Dass wir vergessen, wofür wir stehen. Dass wir uns ins Bockshorn jagen lassen. Dass wir Politik und Arbeitgebern zuarbeiten und wieder einmal „Zurückhaltung üben“, wie das schon öfter getan wurde.
Deshalb stehen wir zu Operation Übernahme, auch wenn Politik und Wirtschaft gerade lieber über die Krise sprechen, als über ihren akuten Fachkräftemangel.
Hier gilt es, Ausdauer zu beweisen, hier gilt es, Weitblick zu beweisen und hier gilt es, Schritt für Schritt zielstrebig unseren Weg zu gehen, wenn es sein muss, auch unter widrigen Bedingungen. Auch kleine Erfolge bringen uns weiter. Weil wir nämlich ein verdammtes Recht auf die Übernahme nach der Ausbildung haben. Weil wir entschieden haben, dass wir unser Recht auf Perspektiven, auf berufliche Sicherheit und auf eine lebenswerte Zukunft offensiv einfordern wollen – auch und gerade mit Gegenwind.
Weil die Zukunft uns gehört, Kolleginnen und Kollegen. Und weil wir als IG Metall Jugend genau dafür stehen.
Und jetzt auch gut mit den Gefahren.
Das zweite Schriftzeichen der Chinesen für Krise heißt nämlich „günstige Gelegenheit“, und eigentlich sind wir in diesem Aspekt schon mittendrin. Denn wer wenig zu verlieren hat, ist offen für Veränderungen. Und ist bereit, auch was dafür zu tun – wenn man ihm gute Angebote macht. Das lehrt die gesamte Geschichte unserer Gesellschaft, und das lehrt auch die aktuelle Situation. Denn die ist so günstig wie nie:
In die Jugend kommt Bewegung.
Werfen wir einmal einen Blick über die Grenzen und schauen, was bei unseren Nachbarn abgeht. Dann stellen wir fest: Überall in Europa sagt die Jugend zurzeit: Es reicht. Überall wehren sich junge Menschen dagegen, dass man sie mit schlecht bezahlten, unsicheren Jobs abspeisen will.
Beispiel Griechenland: Was bei uns die Generation Praktikum bzw. die Generation prekär ist, das ist dort die so genannte „Generation 700 Euro“. Tausende demonstrieren in Athen und in vielen anderen Städten gegen die Aussicht auf ein Leben in schlechten und unsicheren, in prekären Verhältnissen. Wir haben die Bilder noch im Kopf von den Menschenmassen in Athen und anderen griechischen und europäischen Städten, die tagelang auf die Straße gingen, weil sie die Nase voll haben. Das zeigt uns, wie weit es gekommen ist. Das zeigt, dass die Zeit gekommen ist, aktiv zu werden.
Beispiel Italien: 100.000 Studenten haben sich dort mit den italienischen Leiharbeitern solidarisiert. Gemeinsam sind sie nach Rom gefahren und haben die Bannmeilen der Regierungsgebäude durchbrochen. Weil sie gemeinsame Interessen haben. Weil sie gemeinsam stärker sind. Auch sie wehren sich gegen die unwürdigen Lebensverhältnisse, die ihnen von Berlusconi und seinen Freunden aus den Konzernen zugemutet werden. Sie wollen richtige Perspektiven für sich und ihre Familien. Und sie wollen ihr Leben selbst in die Hand nehmen. Dafür werden sie aktiv.
Beispiel Frankreich: Die Regierung in Paris bekam es richtig mit der Angst zu tun, als kurz vor Weihnachten 150.000 Schüler im ganzen Land gegen das aufstanden, was die Politik dort Bildungsreform nennt. Da waren schnell wieder die Bilder von vor zwei Jahren im Kopf, als die Jugendlichen in den Vorstädten rebellierten. Weil sie von Anfang an keine Chance bekommen. Weil sie zu einem Leben am Rande der Gesellschaft verdammt sind. Und weil sie das nicht wollen und sich zur Wehr setzen. Die Bildungsreform ist jetzt erst einmal vom Tisch. Das ist ein beachtlicher Erfolg, der zeigt, wie viel man erreichen kann. Und dass es sich lohnt, aktiv zu werden.
Auch aus Dänemark, Spanien und England hören wir, dass die Proteste zunehmen, dass die Jugend nicht länger hinnimmt, dass ihre Zukunft gestohlen wird – ihre Zukunft, die ihr gehört. Auch an die USA möchte ich noch einmal erinnern und an die riesige Unterstützung, die Barack Obama gerade von jungen Menschen erhalten hat. Ich glaube, es tut sich was, in Europa, in den USA, überall auf der Welt – und auch bei uns in Deutschland.
Kurz vor Weihnachten in Nürnberg wo sich die Gewerkschaftsjugend mit politischen Gruppen zusammengetan hat und gegen einen Laden mit Nazi-Klamotten aktiv geworden ist – über Zehntausende, die an den Schulen im ganzen Land in Streik traten – bis zu den 1000 jungen Menschen, die in Berlin die Humboldt-Uni gestürmt haben, um für mehr Bildungsgerechtigkeit und gegen überfüllte Klassen zu demonstrieren. Auch bei uns sagt die Jugend:
Es reicht. Auch bei uns werden viele aktiv. Es müssen noch mehr werden.
Das ist die günstige Gelegenheit, Kolleginnen und Kollegen. Da draußen bewegt sich was, und das nimmt langsam ganz schön Fahrt auf. Das kriegt langsam richtig Format. Auch was da seit drei, vier Jahren in der Kultur passiert, ist eine unterschwellige Politisierung, die oft verdammt intelligent gemacht ist: Ich meine Künstler wie Jan Delay oder Peter Licht oder Bands wie Deichkind oder Blumentopf, die davon singen, dass sie es satt haben, dass es nur um Geld geht und darum, den anderen auszustechen. Die singen von Gerechtigkeit und davon, dass es in unseren Händen liegt, diese Welt zu verändern, dort heißt es – ich zitiere – „Behandelt andere immer so, dass ihr das Echo vertragt“. Die machen Musik für eine Welt, in der jeder Mensch zu seinem Recht kommt – und sie sprechen auch darüber, dass man dafür etwas tun muss.
Wir alle sind gemeinsam Teil desselben Prozesses, der mittlerweile sogar in der sogenannten Qualitäts-Presse angekommen ist. Auch „Die Zeit“ hat Anfang des Jahres endlich gemerkt, was sich in ganz Europa gerade bewegt. Dort lesen wir Überschriften wie: „Jugend in Aufruhr“, „Protest mit Wucht“ und „Generation Krise“. Fast erwartungsvoll fragen die sich, ob es denkbar sei, dass die Jugend für ihre eigenen Interessen auf die Straße geht und Druck macht, ob gar ein Jugendaufstand möglich sei. Ich zitiere: „Erleben wir demnächst also einen neuen großen Jugendaufstand, vielleicht schon 2009? Geht die Generation Krise auf die Straße, um für bessere Chancen und mehr Unterstützung zu kämpfen?“ Auch im Spiegel und in vielen anderen Medien ist zu lesen, dass in ganz Europa etwas am Brodeln ist. Und, liebe Kolleginnen und Kollegen, ich spreche hier nicht von linken Zeitungen, ich spreche von Spiegel und Zeit, zwei der wichtigsten bürgerlichen Leitmedien in diesem Land.
Jetzt liegt es an uns.
Um all das zusammenzufassen: Alle Zeichen stehen gerade auf Bewegung. Auf neue Jugendbewegung. Auf die selbstbewusste Positionierung einer ganzen Generation, die sich ihren legitimen Platz in unserer Gesellschaft erkämpfen wird, und deren Zukunftsfähigkeit gleich mit.
Das ist unsere „günstige Gelegenheit“, um Alinsky ein letztes Mal zu zitieren. Und die große Frage für jeden von uns ist, ob wir darin eine Rolle spielen – und welche.
„Wer, wenn nicht wir“ und wann wenn nicht jetzt? Wir sind der größte politische Jugendverband in diesem Land. Wir haben über 214.000 junge Mitglieder in der IG Metall. Wir sind dort, wo es weh tut, nämlich direkt an der ökonomischen Basis, in den Betrieben, im Herzen der Wirtschaft, verdammt gut aufgestellt. Und wir haben gute, sehr konkrete Angebote zu machen:
Was Obama für seine Wahlkampagne mit Hilfe teurer Berater erst noch lernen musste, nämlich Beteiligung zu organisieren, Mitmachen zu ermöglichen – das ist bei uns schon lange Programm. Das ist das Grundprinzip unserer Arbeit. Und wenn wir das gemeinsam umsetzen – selbstbewusst, professionell und diszipliniert – dann können wir in diesem Land was rocken.
Und genau dafür brauchen wir Mitglieder. Viele davon. Und viele Aktive. Unsere Stärke wächst aus den Betrieben: Und genau deshalb machen wir Operation Übernahme. Eine starke, sehr ambitionierte Kampagne während der Krisenzeit. Wenn wir die gemeinsam hinkriegen, konzentriert und mit messbaren Erfolgen, dann weiß auch die Welt da draußen: „Wir können auch anders“ und noch viel mehr.
Liebe Kolleginnen und Kollegen. Unser Programm heißt:
Mitglieder – Offensive – Zukunft.
Mitglieder gewinnen, in die Offensive gehen, unsere Zukunft organisieren.
Das ist die strategische Linie der IG Metall Jugend. Dafür arbeiten wir: In der Organisation. In den Betrieben. Und in der Gesellschaft.
„Operation Übernahme“ ist ein Teil aus unserem Programm „Mitglieder – Offensive – Zukunft“. Der erste Schritt. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.
Lasst uns anfangen. Machtvoll, gemeinsam, mit jeder Menge Power. Denn wir sind Metaller. Und deshalb wissen wir: Die Zukunft gehört uns.
Die Rede als PDF
Zum Pressefoto von Eric Leiderer